+100%- Schriftgröße
Start Ausgabe 1/2020 DER LASSIE-FAKTOR

DER LASSIE-FAKTOR

von Nicole Bichler
Für den vollständigen Ausdruck der Seite bitte Option "Hintergrundgrafiken" anklicken
Seite ausdrucken

HUNDE STECKEN AN MIT IHRER ENERGIE, VERSCHENKEN VORURTEILSFREI ZUNEIGUNG, KÖNNEN TÜRÖFFNER UND TRÖSTER SEIN. MIT EINER SPEZIELLEN AUSBILDUNG ENTWICKELN SIE SOGAR THERAPEUTISCHE FÄHIGKEITEN. GESUNDHEIT HAT MIT DER TIERPSYCHOLOGIN UND HUNDETRAINERIN STEPHANIE LANG VON LANGEN ÜBER DIESE MÖGLICHKEIT GESPROCHEN.

GESUNDHEIT: Der Begriff Therapiehund klingt nach einer anspruchsvollen Aufgabe, für die nur besondere Tiere infrage kommen. Was muss ein Hund tatsächlich mitbringen?

❱❱ STEPHANIE VON LANGEN:
Ein Gerücht ist auf jeden Fall, dass nur bestimmt Rassen als Therapiehunde geeignet sind – man muss immer auf die Persönlichkeit des Hundes schauen. Er sollte Neugier und Aufgeschlossenheit für fremde Menschen mitbringen. Das bedeutet nicht, dass er sofort auf jeden schwanzwedelnd zurennt, zurückhaltende Hunde sind ebenso geeignet. Der zweite wichtige Punkt ist ein Grundgehorsam: Der Hund muss auf Herrchen und Frauchen hören, aber eben auch eigenständig mit anderen Menschen interagieren können. Das funktioniert nicht, wenn er auf eine Art Kadavergehorsam gedrillt wurde.

GESUNDHEIT: Wie verändert sich die Beziehung zwischen dem Hund und seinen ­Menschen durch die Ausbildung?

❱❱ STEPHANIE VON LANGEN:
Die Beziehung, die bei solchen Gespannen immer schon gut ist, wird noch intensiver. Hund und Mensch wachsen durch die gemeinsame Aufgabe als Partner zusammen. Ich würde fast sagen: Sie begegnen sich auf Augenhöhe.

GESUNDHEIT: Wie kann der Einsatz eines ­Therapiehundes in der Praxis aussehen?

❱❱ STEPHANIE VON LANGEN:
Die Einsatzgebiete reichen von Reha-Kliniken für Schädel-Hirn-Trauma-Patienten bis zu verhaltensauffälligen Kindern. Besonders eindrucksvoll finde ich, was Hunde in Pflegeheimen bewirken, in denen ja viele Bewohner an Demenz oder Depressionen leiden. Ein Hund hilft, die Patienten zu mobilisieren mit Spaziergängen, aber auch, indem sie ihn streicheln oder nach Leckerli schnappen lassen. Hunde motivieren zur Kommunikation: Menschen sprechen unbefangen mit ihnen und über sie. Und nicht zuletzt ermöglichen die Tiere Körperkontakt, den viele Menschen sonst nur noch über die Pflege bekommen.

BUCHTIPP


Stephanie Lang von Langen:
Therapie auf vier Pfoten.

Piper Verlag,
254 Seiten, 11 Euro.
ISBN: 978-3492242646

Für jeden Hundehalter nützlich
Die häufigsten Missverständnisse

Auch ohne offiziellen Auftrag wirken Hunde auf ­ihren Menschen
in gewisser Weise therapeutisch. Und Hunde sind Tiere, die den Menschen sogar ­Artgenossen vorziehen.
Also – ein ideales Gespann. Doch manchmal trainieren auch
liebevolle ­Hundebesitzer ihren Hunden störende Verhaltensweisen an.
Diese Fehler beobachtet Stephanie
Lang von Langen am häufigsten:

Den Hund auspowern

Manche Hunde gehen zwei bis drei Stunden am Tag Gassi, zusätzlich gibt es Agility- oder Dummy-Training und zu Hause Spieleinheiten. Purer Stress! Was manche Hundebesitzer für Temperament halten, ist tatsächlich Überreizung und Überforderung. Für erwachsene Hunde sind eineinhalb Stunden Spazierengehen völlig ausreichend. Als Rudeltiere wollen Hunde oft einfach nur dabei sein, ­ohne gefordert zu werden. Wenn ein Hund döst oder schläft, ist das selten ein Zeichen von Langeweile – die ­Tiere brauchen bis zu 18 Stunden Ruhe am Tag.

Zu viele Jagdspiele

Wer immer wieder Bälle oder Stöckchen wirft, fördert den Jagd­trieb seines Hundes. Stattdessen lieber öfter Suchspiele in den ­Alltag integrieren, denn Hunde ­wollen nicht nur mit den Beinen ­jagen, sondern brauchen auch Herausforderungen
für den Kopf.

Den Hund zutexten

Hunde sind sehr aufmerksam und versuchen immer zu verstehen, was ihr Mensch von ihnen will. Wer jedoch alles kommentiert, was sein Hund macht, und ihm dazu noch sein Herz ausschüttet, verwirrt ihn. Der Hund kann nicht mehr erkennen, welche Ansage wichtig ist – und es wirkt so, als würde er nicht gehorchen.

Bildnachweis (von oben nach unten):
Claudia Sturm; iStockphoto/tchor1974; Piper Verlag; (von links): iStockphoto/fongleon356, /-lightpix, /-Kerkez

THERAPIE- UND BESUCHSHUNDE
Viele Ausbildungsgänge für Therapiehunde setzen voraus, dass der Hunde­besitzer in ­einem therapeutischen Beruf arbeitet. Stephanie Lang von Langen bietet solche Ausbildungen auch für Laien an (Infos unter: das-wunjo-projekt.de). Leichter zugänglich ist eine Schulung zum ­Besuchshund. Sie steht prinzipiell allen offen und wird von verschiedenen ­karitativen Organisationen ­angeboten, wie zum Beispiel den Maltesern. Besuchshunde und ihre Halter werden für ein bestimmtes Einsatzgebiet, ­beispielsweise Seniorenheime, geschult und auch nur dort ­eingesetzt.